Südkurier 15.08.2003 06:37
Röcke waren sein Schicksal
Giuseppe Gazzanigas "Don Giovanni" in der Rathaus-Oper


So hat Don Giovanni, der berüchtigte Schürzenjäger, wohl noch nie geendet. Er verfängt sich im Netz all der zahlreichen Reifröcke, denen er im Laufe seiner wilden Jahre in ganz Europa nachgestiegen ist. Die Weiblichkeit hat sich der einengenden miedernen Käfige entledigt, die neu erlangte Freiheit der Damen wird zum Kerker, zur Hölle für den Don Juan. Das ist die wunderbare Schlussszene einer klug und mit heiterer Leichtigkeit in Szene gesetzten Kammeroper, die jetzt im Konstanzer Rathaushof ihre vielumjubelte Premiere feierte.

Es zeichnet das musikalische Sommertheater an diesem lauschigen Ort bereits aus, dass es mit seinem Spielplan gern auf Raritäten, abseits der bekannten Namen, setzt. Schon vor Jahren gab es einen "Barbier von Sevilla", nicht von Rossini, sondern von Giovanni Paisello. Diesmal nun "Don Giovanni", aber nicht von Mozart, sondern von Giuseppe Gazzaniga. Eine durchaus interessante Entdeckung, denn die Musik Gazzanigas ist trotz der Zeitgenossenschaft mit Mozart bereits näher an Verdi, sinnlicher, temperamentvoller, italienischer. Wie geschaffen als Vertonung für das Treiben des wohl berühmtesten Latin Lovers der Kulturgeschichte.

Und so geht er denn auf die Pirsch, dieser skrupellose Verführer, in seiner ganzen hormongesteuerten Eindimensionalität. Intelligenz ist nur gefragt, wenn es darum geht, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, Moral nur dazu da, sie fröhlich mit Füßen zu treten. Zurück bleiben eine Strecke von gebrochenen Herzen, gehörnten Ehemännern oder sogar per Degen aus dem Weg geräumte Widersacher. Das kann nicht gut gehen, Pasquariello, Don Giovannis ergebener Diener, ahnt es vergeblich.

Doch Hoffahrt kommt vor dem Fall, und die Zuschauer dürfen genüsslich teilhaben an den Ausschweifungen und Winkelzügen des Herzensbrechers. Regisseurin Annette Wolf lässt das "dramma giocoso" liebevoll und temporeich im Renaissance-Innenhof des Rathauses seinen Lauf nehmen. Eine Veranda, dahinter ein riesiger Spiegel und zwei Treppen, das genügt schon, um das Auf und Ab des eitlen Schwerenöters angemessen in Szene zu setzen. Phantasie ersetzt die große Szenerie, dichte Szenen brauchen wenig Aufwand. Dafür spielen hier die Kostüme eine umso wichtigere Rolle. Sie dienen der Verkleidung, der Täuschung, der Verführung, sie engen aber auch ein, behindern, markieren Standesunterschiede, verhüllen und enthüllen und treiben bisweilen sogar ihre leicht ironischen Späße mit der als verzopft gescholtenen Gattung Oper. Bunte Bänder helfen anzubändeln, verbinden aber auch die Augen, machen vor Liebe blind.

Zu diesen gelungenen Einfällen von Regie und Ausstattung (Dana Horvath-Schaller) fügt sich eine überaus glückliche internationale Sängerbesetzung, die diese Rathaus-Oper neben der Entdeckung des alten Giuseppe Gazzaniga wieder zu einer Entdeckung vieler junger, unverbrauchter Stimmen macht. Das fängt bei Eric Rieger an, der für einen verletzten Kollegen eingesprungen war und sich die gesamte Titel-Partie des Don Giovanni in nur zehn Tagen zweisprachig (Rezitative in Deutsch, Arien auf Italienisch) angeeignet hat. Eine großartige Leistung des Amerikaners, der mit seiner lyrischen Tenorstimme und seinem engagierten szenischen Spiel weit mehr als nur ein Ersatz war. Großartig auch die Finnin Sirrka Lampimäki, die mit sicherem und sehr wandlungsfähigem Koloratur-Sopran das Publikum begeisterte. Ihr Duett-Duell mit ihrer Mitbuhlerin (Simone Fessner) gehörte mit zu den Höhepunkten dieser immer wieder spannenden Inszenierung. Auch Julia Matt machte mit Stimme, Spiel und Ausdruck nicht nur Don Giovanni auf sich aufmerksam.

Aber auch die männlichen Rollen waren trefflich besetzt. Allen voran Damian Whiteley, Stammgästen der Rathaus-Oper schon als Falstaff in guter Erinnerung, stattete den Pasquariello mit frischem Bass und komödiantischer Spielfreude aus. Marco Vassalli lieh einer kleinen Rolle seine große Stimme und Andriy Valihuras erschütterte mit seinem Bass fast die Grundfesten des Rathauses.

Peter Bauer, Prinzipal der Kammeroper im Rathaushof, leitete sein Instrumentalensemble sicher und temperamentvoll, mit der für eine italienische Nacht gebotenen Leichtigkeit und Spritzigkeit, immer in bestem Einklang mit den Sängern, Bernard Renzikowski begleitete stilvoll die Rezitative am Cembalo. Und so lehrt uns dieser Don Giovanni nicht nur - was wir schon wussten -, dass unrecht Gut nicht gedeihen kann, sondern auch - und das ist wirklich erstaunlich -, dass selbst aus einem Rathaus erfreuliche Töne dringen können.

Wolfgang Bager

Die nächsten Vorstellungen: 15., 16., 18. und 20. August, jeweils 20.45 Uhr im Rathaushof, bei schlechtem Wetter halbszenisch im oberen Konzilsaal.





St. Galler Tagblatt Freitag, 15. August 2003

Mehr als ein «Mini-Mozart»

In Venedig hatte sein «Don Giovanni» 1787 mehr Erfolg als jener Mozarts: Giuseppe Gazzanigas Sicht auf den Verführer vermochte als Konstanzer Rathausoper weit über blossen Achtungserfolg hinaus zu überzeugen.

MARTIN PREISSER

Es muss nicht immer Mozart sein. Vergleiche zu dessen «Don Giovanni» zieht man musikalisch bei Giuseppe Gazzaniga nicht, denn die Oper des Veronesen nimmt durch Individualität der Einfälle und eine mit leichter Hand gesetzte Dramatik für sich ein. Mit leichter Hand musizierte auch das Instrumentalensemble unter Peter Bauer im Konstanzer Rathausinnenhof. In bestem Kontakt zum Geschehen schienen die Musiker ihre (schweisstreibende) Open-Air-Arbeit als Zückerchen im Orchesteralltag zu goutieren. Das kam einem aufgelockerten Tonfall zugute.

Blick ins Schlafzimmer
Angenehm quirlig ist Annette Wolfs Inszenierung. Augenzwinkernd spielt sie mit erotischen Leitmotiven wie Fesselung, Augenverbinden und Kleidertausch. Mit einem Spiegel, der Einblicke ins Schlafzimmer auf der zweiten Etage gab, ironisierte man auch den voyeuristischen Blick. Kein Stillstand bis zur effektsicher ausgemalten Höllenfahrt des Helden (Bühne und Kos-tüme: Dana Horvath-Schaller).

Oper der Powerfrauen
Annette Wolf schien die Oper als Stück dreier starker, präsenter Frauen zeigen zu wollen. Das galt auch stimmlich für Simone Fessner als Anna und kraftvoll burschikose Maturina, für Julia Matt als feinfühlig-zarte Ximena und für die sehr überzeugende Sirrka Lampimäki als Elvira, die besonders mit ihrer letzten Arie einen Höhepunkt setzte. Bei den Männern stand der Diener seinem Herrn nicht nach. Damian Whiteley mauserte sich auch schauspielerisch zur heimlichen Hauptfigur. Eric Rieger als Don Giovanni sprang in letzter Minute ein, hatte gerade eine Woche Zeit für seinen Part. Anzumerken war das der lyrisch und eher introvertiert gestalteten Tenorrolle nicht. In ihrer prickelnden Unbeschwertheit ist die Aufführung mehr als ein Mozart im Kleinformat.

Weitere Aufführungen: 15., 16., 18. und 20. 8., 20.45 Uhr im Rathaushof. Bei schlechtem Wetter halbszenisch im Konzilsaal. Karten: 0049 7531/133032 oder 914517.

Copyright © St.Galler Tagblatt AG